In Kapitel eins und zwei haben wir oft den Begriff Geld benutzt, ohne näher darauf einzugehen, was man eigentlich genau unter Geld versteht. Klassischerweise hat Geld drei Funktionen:
Zahlungsmittel
Zähl- und Recheneinheit
Wertaufbewahrung
Als universelles Tauschmittel ermöglicht Geld den unkomplizierten Austausch von Waren. Als Recheneinheit ermöglicht es, den relativen Wert von Waren untereinander auszudrücken. Für gewöhnlich bekommt das Geld dann auch eine Einheit (z. B. Euro). Geld ist zur Wertaufbewahrung geeignet, da seine qualitativen Eigenschaften im Zeitverlauf erhalten bleiben. Durch diese relativ weit gefasste Definition kann man viele Dinge als Geld bezeichnen: Bahnbonusmeilen können zum Kauf von Bahntickets genutzt werden. Nach dem zweiten Weltkrieg benutzten die Deutschen bis zur Einführung der D-Mark Zigaretten als Zahlungsmittel. Auch Bitcoins und Goldmünzen erfüllen die Anforderungen genauso wie PayPal-Guthaben und Einkaufsgutscheine.
Warum hat sich in Deutschland trotz der Vielfalt an möglichen Geldformen der Euro durchgesetzt? Und warum benutzen wir im Alltag nicht andere wichtige Währungen, wie den Dollar oder das britische Pfund? Dafür gibt es mehrere Erklärungen:
Steuerpflicht
Der deutsche Staat verlangt von den Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern, dass die Steuern in Euro bezahlt werden und setzt die Steuerpflicht durch sein Gewaltmonopol durch. Dadurch erzeugt er automatisch eine Nachfrage nach Euro. Unternehmen verkaufen ihre Waren in Euro und Arbeitnehmende lassen sich ihren Lohn in Euro auszahlen, um genug Euro für ihre Steuern zur Verfügung zu haben.
Netzwerkeffekte
Eine bestimmte Geldform funktioniert umso besser, je mehr andere diese ebenfalls verwenden. Wenn Preise, Löhne, Kredite und Verträge in Euro festgeschrieben sind, dann ist es als Wirtschaftsteilnehmer unattraktiv, eine andere Währung zu verwenden. So müsste man beispielsweise ständig umrechnen, hätte Wechselkursrisiken oder Liquiditätsengpässe. Da der Euro auch in anderen Länder europäischen Ländern verwendet wird, ergeben sich weitere Vorteile, zum Beispiel im Außenhandel oder Tourismus.
Pfadabhängigkeiten
Vor dem Euro wurde in Deutschland die D-Mark verwendet. Mit der Währungsreform wurden dann D-Mark Einlagen in Euro umgetauscht. So kamen die Deutschen automatisch in den Besitz großer Mengen an Euro.
Geld- und Fiskalpolitik
Staaten stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung, um auf Inflationsrate und Wechselkurse einzuwirken. Dadurch ist der Euro relativ wertstabil im Zeitverlauf. Für Unternehmen ist diese Eigenschaft sehr relevant. Bei volatilen Geldformen wäre betriebswirtschaftliche Kalkulation kaum möglich, da die Kaufkraft in der Zukunft nicht abschätzbar wäre.
Kreditschöpfung
Deutsche Banken vergeben Kredite in Euro, da sie über die Zentralbank (EZB bzw. Bundesbank) Zentralbankgeld in Euro zur Verfügung gestellt bekommen. Kreditnehmer in der Privatwirtschaft (z. B. investierende Unternehmen oder Hausbauer) kommen damit bei Kreditaufnahme automatisch in den Besitz von Euro.
Liquiditätsnachfrage der Unternehmen
Im Kapitalismus ist die Produktion im Wesentlichen vorfinanziert. Unternehmen geben zuerst Geld für Maschinen, Arbeitskraft und Materialien aus, um Waren herstellen können. Erst im nächsten Schritt erzielen sie Einnahmen durch den Verkauf der hergestellten Güter. Diesen großen Bedarf an Liquidität kann nur eine Geldform mit dynamisch wachsender Geldmenge stillen, da sich Unternehmen durch Kreditvergabe neues Geld besorgen können. Würde eine Geldform mit begrenzter Geldmenge (z. B. Gold oder Bitcoin) verwendet werden, dann hätten Unternehmen ständig Probleme, ausreichend Geld zur Verfügung zu haben.
Durch die Vertragsfreiheit steht es den Wirtschaftssubjekten frei, mit welchem Geld sie ihre Geschäfte abwickeln. Wie wir gesehen haben, gibt es in der Praxis aber viele Gründe, warum es sinnvoll ist, den Euro zu verwenden.