Wie wir im letzten Beitrag gesehen haben, braucht es für Kreditvergabe im Prinzip keine Banken. Die entstandenen Kreditforderungen können als Zahlungsmittel verwendet werden, solange sie vom Empfänger der Transaktion akzeptiert werden. In der Praxis würde solch ein Geld aber kaum für eine komplexe Wirtschaft mit Millionen von Menschen und Tausenden von Firmen taugen. Irgendwann würde die Übersicht verloren gehen, wer wem etwas schuldet. Außerdem ist es für Laien nur schwer einzuschätzen, ob jemand in der Lage ist, einen Kredit zurückzuzahlen. Deshalb übernehmen Banken die gesamtwirtschaftliche Koordination dieser Praxis. Sie verrechnen die Forderungen bzw. Verbindlichkeiten der vielen Wirtschaftssubjekte miteinander und reduzieren durch eine professionalisierte Bonitätsprüfung das Risiko, dass Kredite nicht zurückgezahlt werden können.

Die Kreditvergabe bei Banken funktioniert nach dem selben Prinzip wie in der Kneipe. Nehmen wir an, wir haben eine Firma, die in eine neue Maschine für eine Million Euro investieren will. Dazu geht sie zu einer Bank und nimmt einen Kredit auf. Die Bank setzt nun den Kontostand der Firma auf eine Million Euro. Das neu entstandene Guthaben auf dem Konto der Firma nennt man Giralgeld. Es stellt einen Rechtsanspruch der Firma auf Auszahlung von Bargeld gegenüber der Bank dar. Gleichzeitig hat die Bank nun eine Forderung auf Rückzahlung des Kredits plus Zinsen von 1% gegenüber der Firma:

Aus der Sicht der Bank sind die Zinseinnahmen Erträge. Davon kann sie ihre Kosten decken, z. B. Löhne oder Mieten für Geschäftsräume.

Wichtig ist, dass die Bank keinerlei Bargeld besitzen musste, um der Firma einen Kredit zu geben. Das Giralgeld ist per Mausklick der zuständigen Mitarbeiterin der Bank entstanden. Erst wenn die Firma die Auszahlung ihres Bankguthabens verlangt, benötigt die Bank tatsächlich Bargeld. Im Normalfall heben Sparer nur sehr wenig Geld von ihrem Bankkonto ab. Deshalb müssen Banken nur einen Bruchteil der Einlagen ihrer Kunden als Bargeld vorrätig haben. Wenn aber viele Sparer plötzlich Angst haben, dass ihre Bank zahlungsunfällig wird, dann könnten sie alle gleichzeitig ihr Geld abheben wollen. Die Bank hat dann wahrscheinlich nicht ausreichend Bargeld vorrätig und wird wirklich zahlungsunfällig. Dieses Phänomen nennt man Bank Run. Ein bloßes Gerücht über eine bevorstehende Pleite kann so durch Kettenreaktionen wirklich zu einer Pleite einer Bank führen.

Zurück zu unserem Beispiel: Die Firma kauft nun die Maschine bei einem Händler für eine Million Euro. Der Händler hat bei der selben Bank ein Konto. Überweist die Firma das Geld an den Händler, dann kann die Bank einfach die jeweiligen Kontostände anpassen, ohne dass sie Bargeld für die Transaktion aufwenden muss:

Wie man in den Bilanzen sehen kann, ist die Summe an Forderungen und Verbindlichkeiten gleich geblieben.

Alternativ nehmen wir an, dass der Händler sein Konto bei einer anderen Bank B hat. Die Firma überweist also eine Million Euro auf das Konto des Händlers bei Bank B. Wenn Bank B nun diesen Kontostand um eine Million erhöht, dann ensteht für Bank B eine Verbindlichkeit an Auszahlung von einer Million Euro Bargeld an den Händler. Damit diese Transaktion für Bank B keine Verlustgeschäft ist, muss die Bank der Firma der Bank B eine Million Euro Bargeld zukommen lassen. In der Praxis wäre das ziemlich unpraktisch, da ein bewachter Geldtransporter losgeschickt werden müsste. Deshalb machen Banken das auf digitalem Wege: Alle Banken haben ein Konto bei der Zentralbank, dessen Kontonummer der Bankleitzahl entspricht. Die Einlagen auf diesen Zentralbankkonten nennt man Reserven. Die Reserven sind Forderungen auf Auszahlung von Bargeld gegenüber der Zentralbank. Die Bank der Firma kann also einfach eine Million Euro Reserven von ihrem Konto auf das Zentralbankkonto von Bank B überweisen.

Zentralbankgeld: Bargeld und Reserven

Nur Banken und der Staat haben Konten bei der Zentralbank. Unternehmen und Personen dagegen haben Konten bei normalen Banken. Bargeld ist also die einzige Form von Zentralbankgeld, die im Privatsektor zirkuliert.

Auch Zentralbankgeld ensteht wieder nach dem gewohnten Prinzip der Kreditschöpfung, wenn die Zentralbank einen Kredit an eine Bank vergibt. Die Zentralbank erhöht dann einfach die Reserven der Bank:

In diesem Beispiel verzichten wir zur Vereinfachung auf Zinsen, die normalerweise fällig werden. Der Zinssatz, zu dem Banken bei der Zentralbank Kredite aufnehmen können, nennt man Leitzins. Dieser wird von der Zentralbank im Rahmen der Geldpolitik gesetzt, um die Inflationsrate zu steuern.

Im Wesentlichen hat eine Bank folgende Möglichkeiten, an Zentralbankgeld zu kommen:

  • Kredite bei der Zentralbank aufnehmen

  • Andere Banken oder der Staat überweisen Reserven

  • Kunden zahlen Bargeld ein

  • Verkauf von Vermögenswerten (z. B. Wertpapiere) an Zentralbank

  • Andere Bank verleiht überschüssige Reserven (Interbankenmarkt)