Zu Geld haben wir Menschen einen sehr intuitiven Zugang. Wir denken an Geldscheine, Münzen oder an unseren Kontostand bei der Bank. Geld wird mit Wohlstand in Verbindung gebracht, weil wir uns damit Dinge kaufen können oder durch Sparen für die Zukunft vorsorgen können. Aber was ist Geld eigentlich genau? Wie entsteht es und was hat das mit Schulden zu tun?
Stellen wir uns folgendes Beispiel vor: Du sitzt in einer Kneipe und der Wirt macht jedes mal einen Strich auf einen Deckel mit deinem Namen, wenn du ein neues Bier bekommst. Der Deckel dokumentiert also den Anspruch des Wirts auf die Begleichung der Rechnung. Indem der Wirt dir das Bier serviert, du aber nicht gleich bezahlen musst, gibt er dir einen Kredit. Aus der Sicht des Wirts ist der Deckel ein Vermögenswert, während er aus deiner Sicht eine Schuld ist. Wenn man für dich und die Kneipe jeweils eine Bilanz aufstellen würde, dann sähe diese bei einem Bierpreis von fünf Euro und zwei Strichen auf dem Deckel so aus:
Wenn du am Ende des Abends deine Rechnung bezahlst, dann erlischt deine Schuld von 10 Euro, während die Kneipe den Anspruch auf 10 Euro verliert. Mit diesem simplen Beispiel wird folgendes fundamentales Prinzip der Geldwirtschaft deutlich:
Jedem Geldvermögen steht eine Schuld in gleicher Höhe gegenüber.
Vermögen und Schuld sind damit zwei Seiten der gleichen Medaille. Das Vermögen kann nur wachsen, wenn gleichzeitig auch die Schulden wachsen. Analog muss das Vermögen sinken, wenn Schulden zurückgezahlt werden.
Im Beispiel können wir das sehr gut zeigen: Wenn du am Ende des Abends deine Rechnung beim Wirt begleichst, dann verschwinden deine Schulden, während der Anspruch des Wirts auf die Zahlung der Rechnung verschwindet.
Nehmen wir jetzt an, dass der Wirt von der Brauerei ein neues Fass Bier im Wert von 50 Euro geliefert bekommt, während du noch mit einer offenen Rechnung in der Kneipe sitzt. Die Bilanzen sehen jetzt so aus:
Der Wirt weiß, dass du ihm noch 10 Euro schuldest und sagt dir, dass du deine offene Rechnung nicht bei ihm, sondern bei der Brauerei begleichen sollst. Er gibt deinen offenen Deckel an den Lieferanten der Brauerei weiter und verrechnet so seine Forderungen an dich mit seinen Schulden bei der Brauerei:
Wie wir sehen können betragen die Summe der Forderungen (das Vermögen) als auch die Summe der Verbindlichkeiten (die Schulden) immer noch unverändert 50 Euro, obwohl sich die rechtlichen Ansprüche zwischen euch geändert haben. Der Wirt hat deinen offenen Deckel genutzt, um einen Teil seiner ausstehenden Rechnung bei der Brauerei zu begleichen. Der offene Deckel fungiert also nicht nur als Nachweis einer ausstehenden Rechnung, sondern kann auch als Zahlungsmittel genutzt werden. Entscheidend dabei ist, dass die Brauerei den offenen Deckel akzeptiert und darauf vertraut, dass du deine offene Rechnung auch begleichen wirst. Geld ist also in hohem Maße von Vertrauen geprägt.
Alle Wirtschaftssubjekte können somit für Bildung von Vermögen bzw. Schulden sorgen, indem sie sich Geld leihen bzw. verleihen. In der Wissenschaft spricht man von einer endogenen Geldmenge: Die Geldmenge wird nicht von einer Instanz (z. B. der Zentralbank) vorgegeben, sondern entsteht dynamisch durch wirtschaftliche Aktivität. Außerdem können wir sehen, dass bei der Vergabe eines Kredits kein Geld "weitergereicht" wird. Die Kneipe musste überhaupt keine 10 Euro an Vermögen besitzen, um dir einen Kredit in Höhe von 10 Euro zu geben. Sie kann dir sogar einen Kredit geben, obwohl sie selbst Schulden bei der Brauerei hat. Die in der Lehre immer noch weitverbreitete Annahme der "loanable funds" ist damit falsch.